Geschichte


Aus der Geschichte Hülbens
zusammengestellt von Gerhard Dümmel

Hülben mit der Postleitzahl 72584 ist ein Ferienort in einer Höhe von 719 m ü.M., gelegen am Steilabfall der Schwäbischen Alb. Der Ort ist eine von 26 Gemeinden des das Zentrum von Baden-Württemberg bildenden Kreises Reutlingen. Hülben grenzt mit seiner Markung im Norden an den Kreis Esslingen. Topographisch liegt der aktuell 2880 Einwohner (Stand 12/2015) zählende Ort auf einer Berghalbinsel am Albtrauf über Bad Urach. Hülben verfügt über Rundwanderwege mit herrlichem Tal- und Bergblick zu der Ruine Hohenneuffen, welche quasi die Wiege des Bundeslandes Baden-Württemberg ist und zu der Ruine Hohenurach. In der Schneesaison gibt es gespurte Langlauf- und Skatingloipen.

Im August 1987 feierte die Gemeinde Hülben das 850jährige Jubiläum der erstmaligen urkundlichen Erwähnung anno 1137 in der Zwiefalter Chronik. Die Gründung erfolgte aber wahrscheinlich schon sehr viel früher, nämlich zur Zeit des alemannischen Landausbaus zwischen 700 und 800 n. Chr.

In dieser Zeit haben sich die ersten Siedler an den beiden Hülen, auch Hülben genannt, niedergelassen. In der Ersterwähnung wird der Ort „Hulewon“ genannt, d. h. Wohnstätte um die Hüle(n) her.

Der Kern der Gemeinde liegt auf dem wasserundurchlässigen Basalttuff, was für die Ansiedlung von Menschen auf den kargen Höhen der Albhochflächen schon seit Urzeiten Voraussetzung war. Denn nur da, wo Wasser ist, da ist auch Leben möglich. Die Hülbener Markung dagegen liegt auf wasserdurchlässigem, porösem Kalk des oberen Weißen Juras, wo es nicht das geringste Rinnsal geschweige denn einen Fluss gibt.

Durch den Basalttuff ergaben sich Hülen als lokale Wasserspeicher. Diese Teiche, im Volksmund auch „Lache“ genannt, dienten bis zum Bau der Wasserleitung im Jahre 1912 als Viehtränken und bei anhaltender Trockenheit auch als Brauchwasser-Versorgung, wenn der Wasservorrat in den zahlreichen, meist aus Dachrinnen gespeisten Zisternen erschöpft war oder wenn der mühevolle Fußweg zu den mindestens eine ¾ Stunde entfernten Quellen im Tal gemieden werden wollte. Früher war die Wasserbeschaffung vornehmlich eine Hauptaufgabe für die Kinder. Wie alte Zeitzeugen erzählen, kamen oftmals ganze Karawanen von Wasserträgern mit ihren Gölden (so wurden die Wassergefäße genannt) auf dem Kopf vom Tal herauf. Die einst zentrale Frage der Wasserbeschaffung der Hülbener wird durch eine lebensgroße Skulptur vor dem 1987/88 neu erbauten Rathaus treffend symbolisiert.

Beide Hülen oder „Lachen“ wurden nacheinander zugeschüttet. Und zwar zuerst die „Vordere“ bei der Kirche ca. 1912, weil sie die Ortsdurchfahrt behinderte und später auch die „Hintere“ etwa 1925/26. Damit hatte Hülben sein namensgebendes Denk- oder Merkmal (vorerst) eingebüsst .

Allerdings ist im Rahmen der Ortskernsanierung in 1994 durch Anlage einer kleinen Hüle im Bereich der ehemaligen früheren „Hinteren Lache“ dem Ort sein Wahrzeichen zurückgegeben worden. Außerdem führt Hülben seit 1987 einen Ammoniten in seinem Gemeindewappen als Bezug zur Lage der Gemeinde auf dem Jura der Schwäbischen Alb mit einem Wellenschildfluss, der als Symbol für die namensgebenden, früheren Hülen von dem alten Gemeindewappen übernommen wurde.

Die einst kleinen Taglöhnerhäuschen, früher auch „Tausend-Mark-Häuser“ genannt, sind in den letzten Jahrzehnten zunehmend verschwunden. Viele Gebäude bieten durch Aufstockung und Modernisierung äußerlich heute ein total anderes Erscheinungsbild . Dies kommt besonders deutlich z. B. in der hiesigen Frauenstraße zum Ausdruck. Allerdings wird dieser „Wandel“ schon in einem Bericht von 1904   beklagt, als eine Besucherin aus Stuttgart „vergebens die roten Ziegeldächer der netten (kleinen) Häuschen von einst mit ihren freundlichen Bewohnern des (damals) nur 1300 Seelen zählenden, sauberen Dörfchens Hülben zu erspähen suchte“.  Neue Straßenzüge, ganze Neubauviertel, fast ausschließlich für Einfamilienhäuser, sind entstanden und entstehen fortgesetzt um den alten Ortskern.

Die Markungsgrenze von Hülben verläuft fast überall am Albtrauf und endet an der Hochfläche beim Burrenhof. Durch diese Lage hat man auf den zahlreich und gut bezeichneten Rundwanderwegen wunderschöne Tal- und Fernsichten. Bei gesunder Höhenluft und ländlicher Ruhe bietet die schöne Alblandschaft ideale Voraussetzungen für erholsame Tage .

Überregional ist die Gemeinde vor allem durch die Lehrer-Familie Kullen bekannt. Ab 1722 waren lange Zeit Angehörige dieser Familie als Lehrer in Hülben tätig. Aus dieser Familie ging auch die altpietistische Gemeinschaft hervor, welche noch heute jedes Jahr die „Kirchweihmontagsstunde“ abhält und in weiten Kreisen der Kirche bekannt ist.

Eine alte handwerkliche Tradition, die früher mühsamer Broterwerb war und heute in Hülben als Hobby eine ungeahnte Renaissance erfährt, ist das Spitzenklöppeln. Diese Tätigkeit ist in Hülben seit 1835 nachgewiesen.

Im nordöstlichen Teil der Gemarkung verläuft ein Teil des Heidengrabens, welcher von den Kelten kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung als Wall mit davor liegendem Graben zum Schutz vor herannahenden Feinden errichtet wurde.

Bis um das Jahr 1900 war Hülben eine bettelarme Gemeinde mit kleinen Bauern und vielen Taglöhnern. Einzig an Kindern waren die Familien überdurchschnittlich reich. 12 Kinder in der Familie waren keine Seltenheit. Die Markung reichte zur Ernährung nicht aus. Als sich Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Industriebetriebe in Hülben ansiedelten, begann sich die Struktur der Gemeinde zu wandeln. Aus dem einstigen Bauerndorf entwickelte sich langsam ein moderner Industrieort, was sich aber keinesfalls störend auf die Schönheit der Landschaft auswirkt. Im Jahr 1907 siedelte sich ein Filialbetrieb der Uracher Kleiderfabrik Kempel & Leibfried an. Hunderte von Frauen und Mädchen gingen von da an am Ort in die „Nähete“, wie man in der Dorfsprache zu diesem „Brothaus“ sagte. Auch die weltweit bekannt gewordene Firma Hugo BOSS unterhielt seit ihren Gründerjahren bis Ende 1992 eine Filiale am hiesigen Ort. Viele Männer fanden einst in den größeren Holzwarenfabriken und Textilfabriken – in letzteren auch Hülbener Frauenund Mädchen – in Urach Arbeit und Brot. Aber das alles ist längst Vergangenheit.

Geblieben ist dadurch nicht nur ein bescheidener Wohlstand, sondern es sind hier auch Arbeitsstätten Bad Uracher Betriebe als Filialen entstanden, von denen die Firma MAGURA mit dem im Jahr 1964 in Hülben in der ehemaligen Weberei der Firma Gebr. Groß eröffneten Zweigbetrieb mit einer im Jahr 1971 um eine Werkhalle von 1800 qm erweiterten Fertigungsfläche einen weltweiten Ruf genießt.

Heute ist Hülben im wesentlichen Arbeiterwohngemeinde. Am Ort sind aber auch zahlreiche, aufstrebende kleinere und namhafte Industriebetriebe und ein leistungsfähiges Handwerk angesiedelt. Durch ein gutes Angebot auf allen Gebieten des Dienstleistungsbereiches wie Bäckereien und Metzgereien mit Ladengeschäften, freie Berufe (Arzt, Zahnarzt und Steuerberater), ein Altersheim, Apotheke, Post usw. ist der Ort autark. Es besteht eine gute Verkehrsanbindung sowohl in das Ermstal –die nächstgelegene Stadt ist das nur 5 km entfernte Bad Urach- als auch nach Stuttgart über Neuffen und Nürtingen sowie zum Lenninger Tal oder über die alte Poststrasse nach Ulm.

Hülben zeichnet sich durch ein äußerst aktives Vereinleben mit eigenen Vereins- und Clubhäusern aus, die teilweise bewirtschaftet werden. Die Fliegergruppe Hülben verfügt über einen eigenen Flugplatz mit Hangar, der sowohl mit Segel- als auch mit Motorflugzeugen ausgestattet ist. Beim Sportplatz mit Stadion bzw. der Hülbener Rietenlauhalle befindet sich ein relativ großer Wohnmobil-Hafen mit zeitgemäßer Energieversorgungs- und Sanitärentsorgungs-Ausstattung.

Die Landwirtschaft hat auf der kleinen Markung von nur 640 ha an Bedeutung verloren – sie ist praktisch aus dem Ortsbild verschwunden.

Auf Hülbener Markung existierten zwei Steinbrüche, die inzwischen als Erddeponien rekultiviert werden. Wie bereits erwähnt, haben im Hülbener Orts-Wappen die dort vorkommenden Versteinerungen (Ammoniten) als Wahrzeichen Eingang gefunden,

Zahlenmäßig hat sich die Bevölkerung wie folgt entwickelt:

1802          351 Einwohner
1827          507 Einwohner
1925        1700 Einwohner
1939        1921 Einwohner
1961        2545 Einwohner
1970        2686 Einwohner
1980        2652 Einwohner
1990        2749 Einwohner
1995        2893 Einwohner
2000        2919 Einwohner
2005        2906 Einwohner
2010         2828 Einwohner
2015         2880 Einwohner

1634 zählte Hülben insgesamt 180 Seelen und hatte ungefähr 40 Höfe. Aber schon 20 Jahre später (1654) war die Zahl der Bewohner als Folge des Dreißigjährigen Krieges auf 36 gesunken.

Idyllisch mag die Ansicht Hülben aus alten Zeiten anmuten, doch die soziale Wirklichkeit der damaligen Bürger war alles andere als angenehm. Diese Aussage gilt besonders für die damalige Versorgung auf der Alb mit dem kostbaren Nass, das einst für Mensch und Vieh ein Problem war. Das Wasservorkommen beschränkte sich bis zum Bau der Wasserleitung im Jahr 1912 vorwiegend auf die vorhandenen Hülen. Deren Wasser war eine „stinkende Brühe“ und wegen seiner mit dem Gesundheitswesen eng verbundenen Eigenschaft eher schädlich.

Wie überall kriegt Hülben inzwischen sein „Lebensmittel Wasser“ in erster Güte, aufbereitet mit weitgehend unsichtbarer Hochtechnologie. Und wie fast überall auf der Alb, sind seit Einrichtung der Albwasserversorgung vor mehr als 100 Jahren die Hülen oder Hülben nach und nach verschwunden, jene offenen Wasserspeicher, die „gemeiniglich ein sehr unreines, stinkendes und ekelhaftes Wasser haben und aussehen wie große Mistlachen weil aller Unrath darein fließt“.

Geblieben ist dagegen der Name HÜLBEN, mit dem unser schmucker Ort einzig und allein im Deutschen Postleitzahlenbuch zu finden ist und den er namensgebend aus seinen einstigen, lebensspendend wirkenden Wasserspeichern, den beiden ehemaligen Hülben, ableitet. Denn das Vorhandensein von Wasser hat zu allen Zeiten und unter allen Umständen für Menschen und Tiere Leben bedeutet.

Auch Hülben feiert seine Feste – wie der Volksmund sagt – „wie sie fallen“. Andernorts mag es auch Hülehocks geben. Doch nur in Hülben gibt es einen „Hülehock“ mit doppelter Authentizität, nämlich legitimiert durch seinen Namen und sein daraus abgeleitetes Wahrzeichen.
Seit dem Jahr 1994 feiert die Einwohnerschaft jeden Sommer zusammen mit einer zahlreichen Besucherschar diesen Hock im Zentrum des „Fleckens“ rund herum um die nahezu an der ursprünglichen Wasserstelle wiederentstandene Hüle. Dieses gesellige Fest hat mittlerweile im Veranstaltungskalender der hiesigen Verein eine fest verankerte Tradition, die sich alljährlich sowohl bei den Einheimischen als auch bei dem auswärtigen Publikum mittlerweise großer Beliebtheit erfreut.

Text: Gerhard Dümmel